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Ben Wilhelmy

Thema: Strategien der Bilderbuchrezeption

Betreuer/innen: Prof. Dr. Michael Staiger (Erstbetreuer), Prof. Dr. Gabriela Scherer (Zweibetreuerin – Universität Koblenz/Landau), Prof. Dr. Gabriele von Glasenapp (Drittbetreuerin)

Voraussichtlicher Abschluss: Ende 2021

Abstract: Der Begriff der Multimodalität ist im aktuellen literaturwissenschaftlichen und –didaktischen Diskurs omnipräsent. Grund ist vor allem die wachsende Bedeutung multimodaler Kommunikationsformen. Mit dem Begriff der Multimodalität entwickelt sich auch die wissenschaftliche Betrachtung und das didaktische Feld der multimodalen Kompetenz oder multimodal literacy. Dem Bilderbuch kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu, handelt es sich doch um das zentrale Medium literarischer Sozialisation in der Kindheit und ein zudem originär multimodales. Die Multimodalität des Bilderbuches erlaubt - in sehr viel höherem Maße als der reine Schrifttext – non-lineare Lesepfade.2 Die Vermutung liegt nahe, dass diese interindividuell und altersbedingt stark variieren. Auf der anderen Seite ist für das Verstehen von Texten die subjektive Sinnkonstruktion im Sinne einer antizipatorischen Ergänzung entscheidend. Textverstehen gelingt durch die Wechselwirkung zwischen Textinformation und Weltwissen des Rezipienten. Dieser hochkomplexe, kognitive Prozess ist nur mittelbar beobachtbar. Meine Studie versucht, Erkenntnisse zum Prozess der Sinnkonstruktion zu gewinnen, indem sie sich aus zwei Perspektiven annähert. Es wird erstens durch Blickbewegungsmessung erhoben, welche Elemente des Textes in welcher Qualität betrachtet werden. Zweitens wird versucht, latente Muster der Sinnkonstruktion über die qualitative Inhaltsanalyse von Anschlussinterviews offenzulegen.
Textverstehen gelingt u.a. durch die Aktivierung von Vorwissen und die Bildung von Inferenzen. Die Theorie der mentalen Modelle geht dabei nicht von einer reinen Verknüpfung von Propositionen, sondern von der Konstruktion eines ganzheitlichen mentalen Modells aus, das auf der Grundlage der Textinformationen sukzessive angereichert und präzisiert wird. Die Notwendigkeit dessen wird durch die semantische Offenheit des Textes bedingt, die sich in Ingardens Begriff der Unbestimmtheitsstelle und Isers Begriff der Leerstelle wiederfindet. McCloud verwendet für diesen Aspekt in seinen Betrachtungen zur Funktionsweise der Bildnarration im Comic den Begriff „closure“. Dass der Prozess des Textverstehens auf den hierarchiehöheren Ebenen unabhängig von der Modalität des Textes verläuft, zeigt Schnotz in seinem integrierten Modell des Text-Bild-Verstehens.
Sinnkonstruktion geschieht also auch im Bilderbuch dort, wo der Text Leerstellen aufweist, die durch den Rezipienten gefüllt werden müssen. Da es sich beim Bilderbuch jedoch um die Kombination zweier Modi handelt, stellt sich die Frage, ob individuelle oder altersabhängige Präferenzen in der Nutzung dieser beiden Informationsquellen bestehen. Ferner ist zu klären, ob und wie sich solche Unterschiede in den Sinnkonstruktionen niederschlagen.
Ausgehend von den dargestellten sachtheoretischen Hintergründen und den aus dem Forschungsstand resultierenden Desiderata richte ich meinen Fokus auf den Sinnkonstruktionsprozess bei der Rezeption von Bilderbüchern durch Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Altersstufen. Dabei nähere ich mich diesem Prozess aus zwei Beobachtungsperspektiven, die sich auch in den Fragestellungen widerspiegeln:
1) In welcher Weise unterscheiden sich Blickmuster im Bilderbuch individuell und altersbedingt? 2) In welcher Weise unterscheiden sich Rezeptionsmuster individuell und altersbedingt? 3) Lassen sich diese Muster auf Charakteristika der Blickmuster zurückführen?
Die methodischen Vorgehensweisen der bislang vorliegenden Bilderbuchrezeptionsstudien sind überwiegend qualitativ geprägt. Ein direkter Blick auf den kognitiven Prozess der Sinnkonstruktion ist zwar nicht möglich, sehr wohl aber eine Erweiterung des Perspektivenspektrums. Im Sinne einer Triangulation soll im Rahmen meiner Studie eine Gegenüberstellung aus präzisen Daten zu Blickverläufen (Eye-Tracking) und qualitativen Daten zur individuellen Deutung (Anschlussinterview) stattfinden. Es wird also einerseits über die Aufzeichnung der Blickbewegungen präzise beobachtet, welche Elemente des Mediums in welcher Qualität rezipiert werden und andererseits über die inhaltsanalytische Auswertung der Anschlussinterviews identifiziert, welche latenten Muster der Sinnkonstruktion auftreten. Da diese Vorgehensweise bislang noch nicht erprobt wurde und grundsätzlich explorativ ausgerichtet ist, gingen der Hauptuntersuchung mehrere Pilotstudien voraus. Das Design der Hauptstudie orientiert sich an den Erkenntnissen aus den Pilotstudien. Diese verläuft in fünf Phasen:
Phase I: Lesekompetenzerhebung
(50 Proband*innen pro Altersstufe)
Phase II: Ausgeglichenes Sampling auf Grundlage der Lesekompetenz
Phase III: Eye-Tracking (zwei Bilderbücher)
(12 Proband*innen pro Altersstufe)
Phase IV: Typenbildung Blickmuster und Auswahl von Schlüsselproband*innen
Phase V: Eye-Tracking (zwei bis drei Bilderbücher) mit Anschlussinterview
(Anzahl der Proband*innen richtet sich nach Anzahl der Blickmustertypen)
Die Studie wird in sechs Altersstufendurchgeführt, die sich an den Plateaus der literalen und literarischen Entwicklung und den Zäsuren des Bildungssystems orientieren (alle vier Grundschuljahrgänge, 14 Jahre, 18+ Jahre). Der gesamte Auswertungsprozess soll den Gütekriterien qualitativer Forschung entsprechen und verläuft deshalb nicht linear, sondern offen und zirkulär. Eine wiederholte Sichtung und Analyse aller Daten ist erforderlich, weitere (modifizierte) Erhebungen zur Sättigung von identifizierten Mustern möglich.