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Bericht zur Tagung

„Multimodales Erzählen im Deutschunterricht“


Die AG „Literatur – Bild – Medium“, die Forschungsstelle für Kinder- und Jugendmedien (ALEKI) und das Institut für deutsche Sprache und Literatur II der Universität zu Köln waren vom 26. bis 27. September 2019 Gastgeber der 34. Jahrestagung der AG Medien im Symposion Deutschdidaktik e.V.

Das Tagungsthema setzt sich mit der Frage auseinander, welche Konsequenzen der medienkulturelle Wandel für das Erzählen mit sich bringt. Erzählungen nutzen in der Regel mehr als nur einen semiotischen Modus und sprechen mehrere Modalitäten der Sinneswahrnehmung an, sie sind multimodal. Daraus resultieren im Vergleich zum rein verbalsprachlichen Erzählen veränderte Produktionsbedingungen und Rezeptionshaltungen sowie neue literale Praktiken: Wer multimodale Texte sinnstiftend und textkritisch entschlüsseln will, benötigt multimodale Kompetenzen (multimodal literacy, multiliteracies). Aus deutschdidaktischer Perspektive stellt sich im Hinblick auf multimodales Erzählen erstens die Frage, welchen Einfluss die Zeichenmodalität auf die erzählte Geschichte in Texten verschiedener medialer Form besitzt. Zweitens richtet sich der Blick auf die Rezeption und Produktion multimodaler narrativer Texte, insbesondere bei der Nutzung digitaler Lese-, Schreib- und Gestaltungsmedien. Drittens ist zu klären, wie multimodale Kompetenzen von der Primar- bis zur Oberstufe im Deutschunterricht gefördert werden können und welche Rolle hierbei Bild-Schrift-Medien (z.B. Bilderbuch, Comic, multimodaler Roman), Bild-Ton-Medien (z.B. Spielfilm, Theaterinszenierung) und Bild-Ton-Schrift-Medien (z.B. Computerspiel, Erklärfilm, Digital Storytelling) spielen. Die Tagung näherte sich diesem breiten Spektrum an relevanten Aspekten in vier Plenarvorträgen (Ulrich Schmitz, Nadia Budde, Wolfgang Hallet und Heinz Hiebler) und sechs Sektionen (Digitales Erzählen I und II, Literaturästhetisches Lernen, Akustische Dimension von Medien, Inklusive Lernsettings und Medienwechsel).

Ulrich Schmitz (Essen) eröffnet seinen Plenarvortrag mit einem Auszug aus dem Action-Rollenspiel The Witcher und erklärt dabei multimodales Erzählen zu einer „ollen Kamelle“ – fast jedes Erzählen war schon immer multimodal, indem etwa Stimme, Mimik, Gestik, oft auch Musik oder Bilder beteiligt waren (etwa im Bänkelsang). Er zeigt, welche identitätsstiftende Rolle das Erzählen für Individuum und Gesellschaft spielt und betont, dass elektronische ebenso wie traditionelle Erzählungen Medien der Sinnstiftung sind. Neu am multimodalen Erzählen sei also lediglich seine Hypermedialität und seine technisierte Interaktivität: Die Erzählung besteht in der Bedienung von technischen Geräten, und das leibhaftige Gegenüber wird durch das Gerät ersetzt. Teilnehmer*innen von digitalen Erzählgemeinschaften erzeugen die Erzählung mehr oder weniger selbst, wenn sie sich in einem Rhizom von Entscheidungsmöglichkeiten bewegen. Die Erzählung ist hier vor allem ludisch und welterzeugend; fragmentarische Elemente fordern zu Kreativität (oder Suchtverhalten?) heraus. Für die Deutschdidaktik formuliert Schmitz einige Anknüpfungspunkte: Die durch Technik suggerierte Unmittelbarkeit erschwert die Distanzierung zur digitalen Erzählung, und so geht es mit Schülerinnen und Schülern zentral darum, einerseits empathisch in die Erzählung einzusteigen, sie andererseits aber auch distanziert von außen zu betrachten. Dies sei im Deutschunterricht am besten durch eine Kombination analytischer und produktionsorientierter Methoden möglich; etwa durch „Spielen bis zum Exzess“ – jedoch mit Protokoll – oder durch anarchisches Spielen gegen die Regeln. So könne man im Deutschunterricht gemeinsam an Fragmenten arbeiten, die Herkunft narrativer Elemente aufdecken (semantisch) und das Fragmentarische der Erzählungen durchschauen (syntaktisch).

Sektion A widmet sich dem Digitalen Erzählen. Erzählen als eine Form des Gestaltens und damit als Grundkonstante zur Selbstvergewisserung und Kulturschaffung diskutieren Petra Anders und Anna-Lena Demi (Berlin). Die Vortragenden zeigen die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der visuellen Programmiersprache und Entwicklungsumgebung Scratch auf. Obwohl Scratch alle Grundkategorien des Erzählens (Ort, Figuren, Handlung) bereithält, wird doch deutlich, dass es den Benutzer*innen bisher überwiegend um das Programmieren an sich geht, wodurch das multimodale Potential von Scratch im Hinblick auf das Erzählen nicht ausgenutzt wird.

Um das Potential der Multimodalität geht es auch Matthias Knopp und Kirsten Schindler (Köln), und zwar bei der digitalen Textproduktion von Grundschüler*innen. Sie beziehen sich hierbei insbesondere auf Typographie, Text-Bild-Beziehungen und Hyperlinks. Ihre Erkenntnisse speisen die Vortragenden aus zwei Seminarkonzepten, in denen Studierende Schüler*innen als Schreibberater*innen unterstützen. Es zeigt sich, dass die Schüler*innen die multimodalen Mittel für ihre Textproduktion systematisch nutzen und dass diese für die Erzählungen funktional sind. Sie ermöglichen ihnen ein Erzählen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit.

Alexandra Ritter und Michael Ritter (Halle) befassen sich mit der Differenz zwischen analogem und digitalem Bilderbuch. In einer Fallstudie wird das (divergierende) Lektüreverhalten einer Lehrkraft und dreier Schüler*innen bei der Rezeption eines analogen und eines digitalen Bilderbuches erhoben. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die digitale Rezeption den Akt des Lesens in kognitiver, sozialer und interaktiver Perspektive verändert. Die Daten der Fallstudie deuten darauf hin, dass die App-Lektüre variantenreicher, die Grundstruktur der Sequenzen jedoch ähnlich ist. Es ändern sich allerdings die Dominanzverhältnisse zwischen Lehrkraft und Schüler*innen.

Matthias Preis (Bielefeld) eröffnet die Sektion B zum Literarästhetischen Lernen mit einem Vortrag zu multimodaler Vorstellungsbildung. Die Frage, inwieweit literarische Texte verschiedene Sinnesmodalitäten ansprechen, steht dabei im Fokus. Neben multimodalen Mythen, die jedem täglich begegnen, stellt er Beispiele vor, die verdeutlichen, wie schwierig es sein kann, über Wahrnehmung zu schreiben, da diese selbst nicht sprachlich kodiert ist. Darüber hinaus geht er der Frage nach, inwieweit ein literaturdidaktischer Fokus die vielfältigen Konfigurationen des literarästhetischen Ansatzes aufgreift und umsetzt.

Angelika Jacobs (Hamburg) widmet sich in ihrem Vortrag der Lyrik als Ressource sinnerschließenden Lesens und berichtet dazu von ihren Erfahrungen aus der Unterrichtspraxis mit Schüler*innen. Ist Lyrik ein multimodales Mikroereignis? Dieser Frage geht der Vortrag nach, indem er sowohl das formale als auch das semantische Potential lyrischer Texte thematisiert und anhand von Dinggedichten zum Brunnen-Motiv aufzeigt, wie diese als sprachlich generierte Bilder unterschiedliche Modalitäten gewinnbringend kombinieren können.

Einen Einblick in die literarästhetischen Lernprozesse, die im Zusammenhang von Bild und Schrift in Kinderbüchern generiert werden können, liefert der Beitrag von Katrin Dammann-Thedens (Lüneburg). Sie stellt das Kinderbuch Fox vor und eröffnet die Perspektive einer literaturdidaktischen Untersuchung des Erzählens in Bild und Schrift mit Ansätzen aus der Kunstpädagogik. Dammann-Thedens präsentiert Daten zu Leseerfahrungen von Grundschüler*innen in verschiedenen Rezeptionssettings und stellt fest, dass die Irritation des uneindeutigen Zusammenhangs von Bild und Schrift in dem Buch für die Kinder ein großes Bildungspotential darstellt und deshalb multimodale Antworten gefördert werden sollten.

In der Sektion C liegt der Schwerpunkt auf dem (didaktischen) Potential der akustischen Dimension in unterschiedlichen Medien. Dieter Merlin (Wien) widmet sich dem Medium Film und präsentiert in seinem Vortrag acht Kategorien der Audio-Analyse, die er anschließend auf exemplarische Werke des Western-Genres anwendet. Merlin hält fest, dass die Analyse von auditiv-semantischen Strukturen (im Zusammenspiel mit der visuellen Ebene) von Filmen im Deutschunterricht größere Beachtung finden muss, dazu jedoch auch eine entsprechende Schulung von Lehrkräften erforderlich ist.

Im zweiten Beitrag „Fachdidaktische Aspekte einer Hörspielproduktion in mehrsprachigen Lerngruppen“ stellt Laura Mogl (Bamberg) ein Projekt vor, in dem eine mehrsprachige vierte Schulklasse ein Bilderbuch („Hast du Angst?“ fragt die Maus von Rafik Schami und Kathrin Schärer) in ein Hörspiel überträgt. Das übergeordnete Ziel des Projektes ist – ausgelöst durch den Medienwechsel – die Förderung der multimodalen Kompetenzen der Schüler*innen. In einem ersten Schritt geht Mogl auf die unterschiedlichen Medien und Zeichensysteme ein, anschließend stellt sie die Hörspielproduktion vor und präsentiert abschließend erste Ergebnisse.

Matthis Kepser (Bremen) legt in seinem Vortrag „Sound in Silence. Wie die grafische Literatur versucht, den Ton einzuholen“ anhand dreier Ebenen der Tonalität – gesprochene Sprache, Geräusche und Musik – und mithilfe mehrerer anschaulicher und prototypischer Beispiele dar, wie sich auditive Dimensionen und Darstellungsformen in Comics und Graphic Novels finden lassen. Dabei stellt er die These auf, dass der klassische Comic ausschließlich graphisch angelegt ist und lediglich unterschiedliche Sinneswahrnehmungen imaginiert, multimodal sind hingegen Comic-Apps und Web-Comics, die als Hybridmedien zwischen Film und Comic auftreten.

Der erste Tag wird durch ein Werkstattgespräch mit der Bilderbuchkünstlerin Nadia Budde abgeschlossen. Sie gibt Einblicke in die Produktion multimodaler Erzählungen und macht deutlich, dass sie schon in einem frühen Entwicklungsstadium eines neuen Werks mit unterschiedlichen Modalitäten eine semiotische Einheit entwirft und ein verlustfreies Entflechten dieser Einheit (etwa bei der Übersetzung der Verbalsprache oder im Zuge des Medienwechsels von Bilderbuch zu Bilderbuch-App) unmöglich ist.

Der zweite Tagungstag beginnt mit einem Plenarvortrag von Wolfgang Hallet (Gießen), der einen sozialsemiotischen Zugriff auf Multimodalität und Multiliterarität vorstellt. Seit den 1990er Jahren erscheint eine Vielzahl an Romanen (z.B. Marlene Streeruwitz, Lisas Liebe oder W. G. Sebald, Austerlitz), die sich durch die Integration verschiedener Modi – in Form von Karten, Fotos, Illustrationen, Diagrammen, auffälliger typographischer Gestaltung – auszeichnen. Diese Elemente sind dabei nicht etwa paratextuell, sondern integraler Bestandteil der fiktionalen Welt und erzählkonstitutiv. Im Umgang mit solchen multimodalen Erzähltexten muss die Interpretation die spezifische Materialität der unterschiedlichen Modi berücksichtigen wie auch die Frage stellen, warum in bestimmten Kontexten bestimmte Modi bevorzugt werden. Grundsätzlich wird das Lesen bei einem multimodalen Text zu einem multiliteralen Dekodieren. Dem Literaturunterricht kommt deshalb die Aufgabe zu, die Schüler*innen zu einer Synthetisierung aller Darstellungsformen sowie zur transmodalen Bedeutungskonstitution zu befähigen.

Sektion D widmet sich erneut dem „Digitalen Erzählen“ und knüpft somit an die Sektion A am Vortag an. Katharina Düerkop (Bremen) gewährt unter dem Vortragstitel „‘Ich glaube, Sadwick hat sich ziemlich einsam gefühlt.‘ Zur Rezeption und Interpretation der ludonarrativen Figur im Literaturunterricht der Grundschule“ zum Auftakt Einblick in ihr Dissertationsprojekt. Sie beleuchtet in einer empirischen Studie das Potential von Computerspielfiguren als Gegenstände literarischen Lernens. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die Schüler*innen die Computerspielfiguren als fiktionale Figuren erkennen und sich an diesen Prozesse des literarischen Lernens, insbesondere der Perspektivübernahme, ebenso anstoßen lassen wie mithilfe von Printmedien.

Diesen Überlegungen schließt sich ein Vortrag von Nadine Anskeit (Ludwigsburg) an, die dankenswerter Weise kurzfristig für einen verhinderten Referenten einsprang. Anskeit stellt ihre Studie vor, in der sie sich zentral der Frage widmet, welche schreibdidaktischen Maßnahmen sich positiv auf die Qualität der Textproduktion von Schüler*innen der 4. Klasse auswirken. Anskeit beleuchtet das Potential digitaler Medien als Fördermaßnahme. So bietet der Einsatz digitaler Medien die Möglichkeit zur Gestaltung kooperativer Schreibsettings. Damit knüpft die Vortragende direkt an die Ausführungen von Knopp und Schindler am Vortag an. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass unterschiedliche Schreibmedien zwar keine signifikanten Unterschiede in den Textqualitäten bewirken, dass aber die Qualität von Textrevisionen sich sehr wohl unterscheidet und im Falle digitaler Schreibmedien höher ist.

Die Sektion schließt mit einem Vortrag von Nathalie Kónya-Jobs und Markus Werner (Köln) zum „Multimodalen Erzählen in sozialen Medien“. Nach der Erläuterung von Merkmalen der Social Web-Literatur stellen die Vortragenden eine Typologie virtueller Autorschaft vor. Zentral in diesen Beobachtungen sind die Rezeptionshandlungen und Lektüremodi. So zeige sich im Social Web eine Bricolage aus verschiedenen Medien, die in einen schöpferischen Akt der Bedeutungs- und Selbstkonstitution überführt würden. Hieran schließt sich eine Reihe literatur- und mediendidaktischer Lernanlässe an. Darunter fallen die Möglichkeit zum Erwerb von Orientierungswissen, zum Ausbau einer kritischen, literarischen Medienkompetenz, zur Förderung einer multimodalen Lesekompetenz und zum Ausbau einer Methodenkompetenz.

Die Vortragenden der Sektion E zum Schwerpunkt Inklusive Lernsettings stellen verschiedene inklusive Zugänge am Beispiel des Bilderbuchs als Gegenstand vor. Maren Conrad und Magdalena Michalak (Erlangen/Nürnberg) untersuchen das Potential textloser, multimodaler Bilderbücher für Schüler*innen mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen aus sowohl sprach- als auch literaturwissenschaftlicher Perspektive. Dabei weisen sie das Bild als handlungsevozierendes Medium aus, wobei das Bild in ihrem Untersuchungsgegenstand – Till Penzeks und Julia Neuhaus‘ Was ist denn hier passiert – multimodal angelegt ist: Über einen QR-Code wird die dem Bild jeweils vorausgehende Geschichte erzählt. Im Vordergrund der Untersuchung stehen die Fragen, wie der Medienwechsel wahrgenommen wird und welche Faktoren die Zugänge zur multimodalen Narration beeinflussen.

Kathrin Heintz(Landau) inklusiver Zugang besteht aus dem Konnex von Bilderbuch und Menschenrechtsbildung – der Gegenstand ist Michael Rohers Zugvögel. Heintz geht mit Rank und Bräuer (2008) davon aus, dass die primären Erfahrungen, die die Schüler*innen bei der literarischen Bildung machen, zunächst in ihrer Ganzheit nicht verbalisierbar sind. Durch eine Anschlusskommunikation ermöglichen jedoch sekundäre Erfahrungen eine Verbalisierung. Individuelle Erfahrungen werden dabei in einen sozialen Raum überführt und sind nach Heintz der Kern inklusiven Unterrichts. Dabei verweist die Vortragende auf die immense Bedeutung literarästhetisch anspruchsvoller Bilderbücher.

Judith Leiß (Köln) hingegen hinterfragt die Annahme der vermeintlich besonders guten Eignung von Bilderbüchern für den inklusiven Unterricht und verweist dabei auf die Barrieren der Bilderbuchrezeption aufgrund ihres multimodalen Charakters. Ziel sollte es deshalb sein, das Bildungspotential von Bilderbüchern im Hinblick auf Visual Literacy und Multimodalitätskompetenz für alle Schüler*innen fruchtbar zu machen anstatt die Zwei-Gruppen-Theorie im Unterricht (bildgestützte Medien für die schwächeren Schwüler*innen) weiter zu perpetuieren.  

Sektion F widmet sich dem Medienwechsel. Multimediale und multimodale Ansätze im Kontext der Beschäftigung mit Texten im Deutschunterricht schlägt Gunhild Berg (Halle) in ihrem Vortrag vor und präsentiert ein entsprechendes Lehrprojekt, welches sie mit Studierenden im Kontext eines Universitätsseminars entwickelt. Die Schüler*innen wählen klassische Schullektüren von Goethe und Schiller aus, die durch jeweils vier multimodale und multimediale Darstellungsformen ergänzt werden. Da das Lehrprojekt zum Zeitpunkt des Vortrages noch nicht evaluiert ist, kann die Leitfrage der Beeinflussung des Textverständnisses durch Darstellungsformen auf verschiedenen modalen und medialen Ebenen noch nicht fundiert beantwortet werden.

Der Beitrag von Stefan Emmersberger (Augsburg) stellt digitale Bilderbuch-Angebote dem analogen Bilderbuch gegenüber. In TigerBooks werden auditive und visuelle Elemente interaktiv verknüpft und ermöglichen so eine partizipatorische Multimodalität. Noch einen Schritt weiter gehen die SuperBücher, die mit Augmented Reality in der Kombination aus gedrucktem Buch und App arbeiten. Anschließend ergibt sich jedoch die Frage, wie innovativ diese Ideen tatsächlich sind und inwieweit sie sich letztlich von ähnlichen Konzepten unterscheiden, die es bereits vor mehreren Jahrzehnten in Form von CD-ROM-Spielen gab.

Marc Kudlowski (Paderborn) zeigt in seinem Beitrag das didaktische Potential von Medienverbünden in der Leseförderung. Er stellt eine Fallstudie vor, in der ein zehnjährigen habituellen Nichtleser mit Hilfe des Medienverbundes zu Michael Endes Momo intermedial an das Textmedium herangeführt wurde. Dabei zeigte sich, dass der Schüler eine hohe Affinität für narrative (meist audiovisuelle) Medieninhalte hatte, die in der Förderung aufgegriffen werden konnten. Kudlowski stellt sowohl den Ablauf der Leseförderung als auch die signifikanten Leistungssteigerungen des Schülers im Bereich der Leseflüssigkeit und des Textverstehens vor.

Die Konferenz schließt mit einem Plenarvortrag von Heinz Hiebler (Hamburg). Der Vortrag geht von der These aus, dass unterschiedliche Medien im Laufe des Medienwandels die Form der Literatur beeinflussen. Ergebnisse der Medienwissenschaft als hermeneutisch und semiotisch ausgerichteter Nachbardisziplin der Literaturwissenschaft werden als Leitfaden zur Literaturinterpretation und zur Förderung multimodaler Kompetenzen im Deutschunterricht vorgestellt. Die medienorientierte Literaturwissenschaft betrachtet, so Hiebler, Literatur in Konkurrenz und Wechselwirkungen mit anderen Medien. Die differenzierte Mediensemiotik stellt dabei einen Dialog zwischen Aisthetischem und Diskursivem dar. In seinem Fazit sensibilisiert Hiebler dafür, dass die verschiedenen Modi – analog zu verschiedenen Sprachen – nicht verlustfrei in Literatur übersetzbar seien, ihr Eigensinn aber im Unterricht erkenn- und vermittelbar sei. Genau darin sieht Hiebler den poetischen Reiz der Multimodalität.

Ausgewählte Beiträge werden im Nachgang zur Tagung in dem neuen DFG-geförderten Open Access-Online-Journal der AG Medien „MiDU – Medien im Deutschunterricht“ (www.medienimdeutschunterricht.de) veröffentlicht.

 

Köln, im Dezember 2019

Protokolliert von Nadine Bieker, Agnes Blümer, Alexandra Bob, Lena Hoffmann, Frank Münschke und Ben Wilhelmy.

 

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