zum Inhalt springen

Jan Wittmann

Betreuer/innen: Prof. Dr. Sieglinde Grimm (Uni Köln)

Thema: Recht sprechen. Richterfiguren bei Kleist, Kafka und Zeh (Arbeitstitel)


Abstract:

Ziel des Dissertationsprojektes ist eine breit ausgerichtete Analyse der Austauschbeziehungen der beiden Systeme Literatur und Recht hinsichtlich der Darstellung und Reflexion richterlicher Entscheidungsprozesse. Der historische Kontext erstreckt sich vom beginnenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, wobei sich die diskurshistorische Untersuchung auf die in diesem Zusammenhang wesentlichen kriminal- und rechtsgeschichtlichen Umbrüche konzentriert: Sowohl die Entstehung des Schuldstrafrechts um 1800 als auch die Etablierung von Kriminalistik, Psychoanalyse und Daktyloskopie um 1900 markieren ebenso wie die Einbeziehung biometrischer Erkennungsverfahren in die Ermittlungsarbeit um 2000 Zäsuren in der juristischen Praxis. Darüber hinaus lässt sich in der Entwicklung des Strafprozesses, so zeigen es die Prozessvorschriften der Zeit und die Fachdiskurse in den einschlägigen Lehrbüchern und Zeitschriften, eine Entwicklung des prozessualen Handlungsspielraumes der Richter erkennen. Diese Entwicklungsprozesse sind nicht nur an die zunehmende Verfachlichung der Rechtsprechung und die Kodifizierungstendenzen im Strafprozessrecht gebunden, sondern auch im Zusammenhang mit der Sicherheit bzw. Unsicherheit gerichtlichen Wissens zu betrachten.

Das Gerichtsurteil als Anwendung weltlichen Rechts ist über epochale Umbrüche hinweg kontinuierlich Gegenstand der erzählenden Literatur. Das Gericht als Entscheidungsraum, in dem im wahrhaftigen Sinne Recht gesprochen wird, die Abkehr zeitgenössischer Rechtsprechung von der Bezugnahme auf göttliche Urteile und die Bürokratisierung als Folge der Institutionalisierung des Rechts bestimmen die Repräsentation des Rechts in der diegetischen Welt der Literatur besonders ab 1800. Im inszenierten Gerichtssaaltheater wird der Mangel der relativen Unsicherheit des Wissens der rechtsprechenden Instanz und der sich daraus ergebende Mangel an Autorität dahingehend kompensiert, dass eine Machtstellung inszeniert wird, die eben nicht auf sicherem Wissen beruht. Somit kann der Gerichtsprozess auch als ein juristisches Spiel mit Wissen begriffen werden. Im Rahmen dieses Dissertationsprojektes soll der Versuch unternommen werden, diese Entwicklungslinien des literarischen und juristischen Diskurses im Hinblick auf richterliche Entscheidungsprozesse nachzuzeichnen. Hierzu werden mit Texten von Heinrich von Kleist, Franz Kafka und Juli Zeh drei Werke in den Blick genommen, die höchst unterschiedliche Richterfiguren zeichnen, aber gleichermaßen ihre Anbindung an die zeitgenössischen Fachdiskurse der Strafrechtstheoretiker und Gerichtspraktiker finden.


Link: http://idsl2.phil-fak.uni-koeln.de/index.php?id=19537